Leseprobe

aus Helmut Stauder: Tangoträume. Roman
(Auszug aus den ersten drei Kapiteln)


1

Yo adivino el parpadeo de las luces que a lo lejos van marcando mi retorno (Gardel/La Pera – Volver)
Ich erahne das Blinzeln der Lichter, die aus der Ferne meine Rückkehr anzeigen

Der Riesenvogel schreit.
Er stößt ein Krächzen aus, das den Wind durchdringt, über das Meer hetzt und sich schließlich in den Wolken verirrt. Mit ausgebreiteten Schwingen schwebt er nahezu bewegungslos über dem Kiesstrand, die Augen kalt auf den fernen Horizont gerichtet.
Er sieht Dinge, die noch verschlossen sind.
Ungeborenes.
Das noch werden muss.
Und einst vergehen wird.
Sein Schrei ertönt wieder und wieder. Bis er endlich verhallt und die Szene verblasst.
Um anderen Bildern Raum zu geben.

Regen läuft an den Scheiben herab. Bildet einen flüssigen Vorhang, der die grauen Schemen draußen verhüllt.
Er will nicht.
Denn er spürt, was kommen wird.
Aber er hat keine Wahl.
Er öffnet die Haustüre. Eine grüne Uniform. Eine Hand grüßend an die Mütze gelegt. Kein Lächeln.
„Herr Rudolf Engel?“
Er nickt, ohne es zu wollen.
„Ich muss Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen.“
Er will fort. Verhindern, dass der Mann weiterspricht. Er will Dunkelheit. Und Stille. Aber die fremde Stimme zerschneidet sein Inneres. Rücksichtslos.
„Es tut mir leid, aber Ihre Frau … Das Unwetter. Der Regen. Wie eine Sintflut. Eine Flutwelle …“

Rudolf reißt erschrocken die Augen auf.
Eine harte Landung.
Die ihn geweckt hat.
Doch es befinden sich anscheinend viele Südamerikaner in dem Jumbo, denn es gibt befreiten und wohlwollenden Applaus. Mitteleuropäer wären zu abgeklärt dafür.
Viele stehen schon auf, noch lange, bevor das Flugzeug zum Stillstand gekommen ist. Und es ertönt auch keine entsprechend warnende Durchsage. Nicht üblich bei Aerolineas Argentinas.
In heftigem Gedränge wird Rudolf zum Ausgang geschoben. Durch schmale Gänge. Eine Rolltreppe hinunter. Migraciones. Passkontrolle. Der Schalter für Ausländer. Ein gleichgültig prüfender Blick. Gebrochenes Englisch. Stempel. Und gute Wünsche für seinen Aufenthalt.
An der Gepäckausgabe sieht er schon von Weitem, wie sein Bass in einem großen, schwarzen Koffer, der die Silhouette des Instruments zeigt, einsame Runden dreht. Wurde offensichtlich bevorzugt ausgeladen. Argentinier lieben die Musik. Er hebt ihn vom Band und ist erfreut, weil er unversehrt ist.
Auf seinen Koffer muss er noch eine Weile warten. Dann zur Zollkontrolle. Nein, keine Waren anzumelden. Das sei ein Musikinstrument, ein Kontrabass. Ob er denn Tango spiele? Nein, Sinfonieorchester. Ein anerkennendes Nicken, dann winkt man ihn durch.
Die Schiebetür gleitet automatisch vor ihm zur Seite. Menschengedränge. Unglaublich viele Schilder in die Höhe gehalten. Erwartungsvolle Blicke.
„Brauchen Sie ein Taxi?“
Rudolf nickt, und der große Mann mit indianischen Zügen packt den Bass und seinen schweren Koffer, als seien sie Spielzeug. Ein alter, schwarzer Ford Falcon mit gelbem Dach. Der Bass findet Platz auf den Rücksitzen, Rudolf steigt vorne ein.
Reicht dem Fahrer einen Zettel mit der Adresse des Hotels.
„20 Dollar?“
Er ist einverstanden.
Der Indianer beginnt zu erzählen, von Frau und Kindern, von verpassten Chancen im Beruf, eigentlich sei er Jurist, aber es gebe keine Arbeit in Buenos Aires. Er spricht von der Krise, von seinen Zukunftsperspektiven und persönlichen Utopien und von der Musik hier in dieser Stadt, vom Tango. Mit einem Blick auf die Rücksitze: ob Rudolf auch in einer Tangoformation mitspielen werde? Dieser verneint, nennt erneut das Sinfonieorchester und erntet wieder einen anerkennenden Blick.
Die Stadtautobahn ist schlecht. Viele Schlaglöcher. Flaches Land zu beiden Seiten, einige Büsche, wenige, magere Rinder. Ein großes blaues Schild mit weißer Aufschrift: Die Malvinen gehören zu Argentinien!
Dann zur Linken ein Elendsviertel, eine Villa Miseria. Hunderte von Hütten aus Wellblech und Pappe. Auf jeder eine Fernsehantenne. Eine Horde Kinder tritt unter Gelächter und Gekreische einen runden, entfernt einem Fußball ähnlichen Gegenstand hin und her. Ein halb verhungertes Pferd mit einer Plastikflasche auf dem Sattel. Auf Rudolfs Frage erklärt der Taxifahrer, das bedeute, es sei zu verkaufen. Das mache man bei Autos genauso.
Vorne eine Mautstelle. Der Fahrer kramt in der Hosentasche nach Kleingeld. Wirft es in einen Fangkorb. Die Schranke schnellt nach oben.
Nun läuft die Autobahn auf hohen Betonstützen in einem Bogen auf das Stadtzentrum zu. Darunter sieht man ein Fußballfeld. Jugendliche in bunten Trikots: hellblau–weiß und gelb–grün. Argentinien gegen Brasilien.
Die Häuser reichen nur knapp bis zur Höhe der Straße. Abgeblätterte Farbe in Hinterhöfen. Ehemals wohl weiß und beige. Zum Fluss hin endet die Straße schließlich im Nichts, auf zwei letzten Stützen, die im Wasser stehen. Der Ansatz einer Brücke, die nie gebaut werden wird. Wie die über den Rio de la Plata nach Montevideo. Aber hier zählt der Plan, die gute Absicht, nicht die Ausführung. Denn oft genug wird sie von der Wirklichkeit verhindert.
Das Taxi nimmt die letzte Ausfahrt nach San Telmo, einem der ältesten Stadtteile, dem Künstlerviertel von Buenos Aires. Hält vor einem einfachen Hotel: Esperanza.
Rudolf bezahlt. Ein Hotelboy bemächtigt sich, demonstrativ schnaufend, der beiden Gepäckstücke.
„Das Zimmer für Senor Engel? Natürlich. Ist hergerichtet.“
Wie lange er zu bleiben gedenke?
Er wisse es noch nicht.
Ein dunkler Raum. Wenig Tageslicht fällt durch Rolloschlitze. Verkehrslärm von der Straße. Der Chico erhält sein Trinkgeld. Dann endlich Ruhe. Rudolf lässt sich auf das Bett fallen und schließt die Augen.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“
Die Worte Hermann Hesses klingen hier schal und leblos.
Pragmatisch gesehen wäre es besser, zwei Stunden zu schlafen und dann noch einige Fingerübungen zu machen, bevor er sich zum Vorspielen ins Teatro Colón begibt. Aber andererseits ist er müde und hat eigentlich keine Bedenken. Man wird ihn zweifellos nehmen. Von der Spieltechnik her ist er sicher besser als die Bassisten hier in diesem Orchester in Buenos Aires. Und das alleine wird zählen. Und außerdem hat sein Agent entsprechend vorgearbeitet.
Aber dennoch.
Man hat ihn auch gewarnt.
Hier, in diesem Lande am Ende der Welt, bliebe immer und überall eine gewisse Unsicherheit, vor allem dann, wenn Europäer oder Nordamerikaner in der ihnen eigenen Überzeugung davon ausgehen, die Dinge seien so, wie sie nach all ihrer Erfahrung glaubten.
Dann greife manchmal etwas Magisches ein.
Und verwandle die Realität.
Und gebe ihr einen Charme und eine Zufälligkeit, die sie in anderen, aufgeklärteren Ländern nicht besitze.
Rudolf lauscht dem Summen des Verkehrs, unterbrochen von Hupkaskaden.
So mag sie kommen.
Die Magie.
Er wird sie mit offenen Armen empfangen, willkommen soll sie ihm sein. Er hat genug vom Vorhersehbaren und von minutiös geplanten Abläufen, die wir nur aus Angst zu fest im Griff haben wollen. Und von den Katastrophen, die sich trotz aller Sicherheitsbeflissenheit immer wieder ereignen. Er ist hierhergekommen, um es fließen zu lassen dieses Leben, das er nun vor sich hat, und um sich bereitwillig vom ihm mitnehmen zu lassen. Und um zu vergessen. Denn die Schatten verfolgen ihn. Vor allem nachts. Wenn das steuernde Bewusstsein schläft. Und er hilflos ausgeliefert ist. Seinen Erinnerungen. Die sich weigern, ihn loszulassen. Ihn gefangen halten. Und quälen.
Da schreckt er hoch. Es ist bereits dunkel draußen. Also muss er eingeschlafen sein. Und er ist erstaunt, denn seine Träume haben ihn dieses eine Mal nicht belastet. Ein Blick auf die Uhr: Er wird sich sputen müssen.
Vor dem Hotel warten Taxis. Den Bass wieder auf den Rücksitz, der Fahrer, ein kleiner, wieselflinker Mann, italienischer Einschlag. Auch sein Leben und alle beruflichen und familiären Umstände werden im Nu vor Rudolf entrollt. War früher Zahnarzt. Hat sein Geld bei Pferderennen verloren, so viel, dass er sogar seine gesamte Praxis verkaufen musste, ganz so, wie es in dem alten Tango von Carlos Gardel heißt: Por una cabeza … (um eine Pferdekopflänge). Und mit dramatisch vibrierender Stimme beginnt er zu singen.
Die große Avenida, Nueve de Julio, 18 Fahrspuren, ein unvorstellbares Gewimmel, überwiegend Taxis, gelbes Dach, schwarzes Chassis. Kreisverkehr um den Obelisken, das Zentrum der Stadt. Dann links das Teatro Colón, eines der schönsten Opernhäuser der Welt.
Rudolf betritt das Gebäude durch den Bühneneingang. Dunkle, verwinkelte Gänge führen zur Bühne, wo man ihn erwartet. Ein schwerer, roter Samtvorhang, viel Gold an den Wänden. Kolonialstil.
Ein Caféhaustisch. Zwei Stühle. Ein schlanker, weißhaariger Mann, dunkler Anzug. Eine Hand, zur Begrüßung entgegengestreckt. Fester, warmer Druck.
„Calderón. Ich dirigiere das Orchester. Freut mich, Herr Engel, Sie wurden mir avisiert. Ihr Agent hat mir auch Aufnahmen Ihrer Soloauftritte zur Verfügung gestellt. Ich bin beeindruckt. Aber, darf ich Sie auch in natura hören? Sie haben ja Ihr Instrument gleich mitgebracht. Ich gestehe, ich bin gespannt!“
Rudolf öffnet den großen Koffer, hebt den Bass heraus, stimmt ihn und beginnt zu spielen. Zunächst Bach, anschließend einige Stellen aus Gustav Mahlers erster Sinfonie.
Und dann geschieht etwas Seltsames, das er später nicht erklären kann. Das goldene Licht um ihn herum wird düsterer und intensiver zugleich. Es glüht. Der Dirigent auf seinem Stuhl, der Bistrotisch und der andere Stuhl lösen sich auf, in Luft, als hätten sie nie existiert.
Schwaden von Tabakrauch.
Dahinter Gesichter, halb im Dunklen.
Ihm zugewandt.
Und der Hals seines Instrumentes fühlt sich auf einmal warm an. Leichter, freier gleitet der Bogen über die dicken Saiten und spielt wie von selbst Melodien, die Rudolf noch nie zuvor gehört hat. Manchmal sehnsuchtsvoll und zärtlich klagend, dann wieder mächtig und selbstbewusst, getrieben von einer Gier nach Leben, die nicht die seine ist. Wild, aufbrausend, ausgeliefert an einen ihm fremden Rhythmus. Und Rudolf ergibt sich diesen Tönen, lässt sich in sie hineinfallen, und alles scheint zu schmelzen. Er schließt die Augen und fühlt.
Nach scheinbar unendlicher Zeit zerschlägt lautes Applaudieren diese wilde, warme und harmonische Welt. Widerwillig kehrt Rudolf in die Wirklichkeit zurück und öffnet die Augen.
Er sieht Senor Calderón, der ihm frenetisch Beifall spendet, Tränen in geröteten Augen. Und da bemerkt Rudolf, dass auch seine Wangen feucht sind. Seine Hand, die den Bogen hält, zittert.
„Mein Gott! Das ist ja fantastisch! Woher kennen Sie die Musik von Astor Piazzolla? Und was für eine tiefe und eigene Interpretation von Adiós Nonino! So habe ich das auf einem Bass noch nie gehört. Spielen Sie schon lange Tangos?“
Rudolf lächelt verwirrt und unsicher, vermag nur entschuldigend zu nicken. Er kann jetzt nicht sprechen. Und zum Glück muss er das auch nicht, denn Calderón ist auf ihn zugetreten, umarmt ihn, küsst ihn auf beide Wangen, fasst ihn dann an den Oberarmen.
„Aber, mein lieber Herr Engel, sagen Sie nichts! Selbstverständlich sind Sie engagiert. Ich werde das regeln. Sie spielen ab sofort den ersten Bass bei uns. Willkommen im Orchester!“
Rudolf wird es erneut warm. Natürlich freut er sich. Aber da ist auch so ein seltsames, unsicheres Gefühl, als liefe er über dünnes Eis. Was ist da eben nur mit ihm passiert? Was hat er da gespielt? Tangos? Piazzolla? Hat er zwar schon gehört, aber er kennt eigentlich nichts von ihm.
„Nun, leider ist die Bezahlung nicht gerade üppig. Aber, Sie wissen ja, die schlechten Zeiten. Die Krise. Dieses Land sollte reich sein. Aber es ist arm. Wird ausgesaugt. Von nordamerikanischen Konzernen und den Leuten hier, die sich unter ihrem Schutz vollfressen. Kein Verständnis für die Kunst. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie Ihren Bass unterstellen können, wenn Sie ihn hier lassen möchten, um Transportwege zu sparen.“
Wenig später steht Rudolf wieder auf der großen Avenida, in einiger Entfernung leuchtet weiß der Obelisk. Lichter hetzen vorbei. Er lässt sich einfach treiben. Der Fluss des Lebens soll ihn mitnehmen, er leistet keinen Widerstand. Gerät in Nebenstraßen. Dunkel. Aber auch hier pulsiert das Leben, allerdings heimlicher und eher stoßweise.
Die Szene im Teatro Colón geht ihm nicht aus dem Kopf. Was ist da mit ihm geschehen? Er war auf einmal in einer anderen Welt, und er war nicht mehr er selbst, zumindest nicht der, als den er sich bisher kannte. Ein anderer war da in ihm. Aber das Gefühl war angenehm warm und pulsierend lebendig zugleich. Das möchte er wiederfinden und dann festhalten können.


2

Mi Buenos Aires querido, cuando te vuelvo a ver! No habrá más pena ni olvido. (Gardel/La Pera – Mi Buenos Aires querido)
Mein geliebtes Buenos Aires, wann werde ich Dich wiedersehen! Es wird kein Leid und auch kein Vergessen geben.

Die Alte hat den Griff der Blechkanne mit einem schmutzigen Lappen gefasst und gießt heißes Wasser in die einfache Matekalebasse. Lässt es am Metallröhrchen entlang auf die Kräuter rinnen. Stellt die Kanne wieder auf den schmutzigen Gasofen, stochert ein wenig mit dem Metalltrinkröhrchen, der Bombilla, und saugt dann daran. Ihre Lippen spitzen sich zu einem intensiven Kuss, und unzählige Falten und Runzeln konzentrieren sich wie ein Strahlenkranz auf die Mitte, die Bombilla. Mate. Welch ein Duft!
Meist in der Gemeinschaft genossen. Als unverzichtbares Beiwerk bei sozialen Zusammenkünften. Für sie gilt das nur selten. Meist ist sie allein. Mit sich und ihren Erinnerungen. Aber es sind keine schönen. Sie schmerzen. Und hören nicht auf zu schmerzen. Denn einige Wunden des Lebens verheilen und vernarben nie.
Sie schaut hinab auf ihre Füße. Rot angelaufen und geschwollen. Nackt in den alten Filzpantoffeln. Auch sie schmerzen. Wie ihre Erinnerungen. Und der Rücken. Stöhnend lässt sie sich auf den Stuhl fallen. Den am Fenster. So kann sie etwas teilhaben. Am Leben der Anderen.
Sie rafft den geflickten Bademantel über den Knien zusammen. Denn sie kann den Anblick der dunkelblauen Krampfadern an ihren Beinen nicht ertragen. Kein Geld für eine Operation, obwohl es dringend wäre. Wegen der Thrombose– und Emboliegefahr. Hat ihr eine Bekannte gesagt. Und außerdem ist ihr kalt.
Taxis und einige Busse hetzen draußen vorbei. Dröhnend laut. Lassen die Scheiben klirren und vibrieren in der schmalen Straße.
Ob es schon Zeit ist? Sie wirft schnell einen Blick auf die Uhr. Halb fünf. Bald. Ein wenig sollte sie noch warten.
Nie vor fünf.
Das hatte ihr Großvater immer gesagt. Von dem auch die schöne, alte Uhr aus geschwungenem, braunen Holz mit dem goldenen Zifferblatt ist. Das einzige ansehnliche Möbelstück, das sie noch besitzt. Deren Zeiger sie wie hypnotisiert beobachtet. Wie sie bedächtig um ihr Zentrum kreisen.
Bis es fünf ist.
Dann erst darf sie.
Nie vorher.
Hatte ihr Großvater immer gesagt.



3

Amo a los pajaros perdidos que vuelan desde el más alla, a confundirse con un cielo que nunca más podré recuperar. (Frejo/Piazzolla – Los pajaros perdidos)
Ich liebe die verlorenen Vögel, die aus dem Jenseits herbeifliegen und sich in einem Himmel verlieren, den ich nie wiederfinden werde.

Straßenlaternen. Kaltes, blaues Licht auf nassem Asphalt.
Leichter Nebel dämpft den Blick auf Dinge in größerer Entfernung. In goldenen, geschwungenen Lettern über fast völlig blinden Fenstern: Café Homero – Tango Bar.
Der Türsteher raucht. Mustert ihn interessiert.
„Haben Sie reserviert?“
Rudolf schüttelt den Kopf.
„Dann können Sie sich nur an die Bar stellen, die Tische sind alle besetzt. Aber gehen Sie. Zahlen Sie mir nur den halben Eintrittspreis. Fünf Dollar. Haben Sie es passend?“
Rudolfs Schein verschwindet in der Sakkotasche. Ein willkommener Nebenverdienst offensichtlich.
Drinnen Kerzen auf kleinen Bistrotischen, Zigarettenrauch steht wie eine graue Mauer. Rudolf schiebt sich vorsichtig durch das Gedränge, findet noch einen Platz an der Bar, zieht sich auf den Hocker hoch, bestellt einen Whisky.
„Importiert oder national? Der nationale ist besser.“
„National.“
Alle importierten Dinge sind nur unmäßig teuer hier in Argentinien, denn im Preis ist die Hoffnung mit eingerechnet, auch zur ersten Welt zu gehören. Und um den Wert dieses fernen Zieles zu steigern, um die Aufgabe noch schwieriger erscheinen zu lassen, erhöht man es ideell, indem man es teuer macht.
„Bitte schön. Ein Criadores. National.“
Gedrungene, abgerundete Flasche. Ein Stier ziert das Etikett. Und der Barkeeper lässt die goldgelbe Flüssigkeit in einen Metallmessbecher laufen, bis dieser voll ist, kippt ihn ins Glas über die Eiswürfel. Und dann schenkt er aus der Flasche noch weiter ein, direkt ins Glas, bis dieses fast ganz bis zum Rand gefüllt ist. Rudolfs erstauntem Blick begegnet er mit einem freundlichen Lächeln.
„Con llapa.“
Eine kleine Zugabe gibt es hier immer.
Applaus. Rudolf dreht sich zum Lokal hin um. Ein alter, weißhaariger Mann in dunklem Anzug mit Fliege betritt die Bühne und begibt sich ans Piano. Eine gemessene Verbeugung. Dann setzt er sich und beginnt zu spielen. Heftig zunächst, rhythmisch mitreißend, bedrohlich schon fast, brutal. Doch dann, auf einmal nachgiebig und weich verklingend, schmeichelnd, zart.
Ein rotes Leuchten nur.
Zunächst.
Dann nimmt sie Gestalt an.
Legt eine Hand Hilfe suchend auf das Piano und zieht sich daran nach vorne ins Scheinwerferlicht. Ein scheuer Blick in die Runde, ein silbernes Mikrophon vor ihrem Mund.
Unvorstellbar. Mit welcher Zartheit sich ihre Stimme besänftigend über die nun wieder stürmisch pulsierenden Tangoklänge des Pianos legt. Wie Flammen züngelt das leuchtend rote Kleid an ihrer schlanken Gestalt empor. Madonnenhafte Augen. Halb geschlossen. Entrückter Gesichtsausdruck. Von einer dichten Kaskade dunkelbrauner Haare umrahmt.
„Ich liebe die verlorenen Vögel, die aus dem Jenseits zurückkehren, um sich in einem Himmel zu verlieren, den ich nie erreichen kann ….“
Ihre schlanken Arme mit Händen, deren Finger auffallend lang und dünn sind, vollführen hilflose, weit ausholende Gesten, als tasteten sie im Dunklen nach der Gegenwart eines Mitmenschen. Aber sie steht alleine auf der kleinen Bühne aus alten Brettern. Von grellen Scheinwerfern angestrahlt. Die Augen nun fest geschlossen.
„Auch ich bin nur ein verlorener Vogel, der sich nicht wiederfinden kann.“
Und die Schlussakkorde des Pianos versuchen in einem gewaltsamen Crescendo, ihre zarte Stimme zu verschlingen. Doch mit unnachgiebiger Sanftheit besteht sie, überlebt sogar das Ausklingen des Klaviers und schwebt noch eine Weile einsam und alleine im Raum.
Heftiger Applaus brandet auf. Vorsichtig blinzelnd öffnen sich ihre Augen, blicken schüchtern in die Runde. Sie verneigt sich mit vor der Brust gefalteten Händen, wobei die Flut ihrer Haare nach vorne fällt und ihr Gesicht völlig verhüllt.
Eine letzte Verbeugung, dann verlässt sie die Bühne und kommt auf die Bar zu, nach beiden Seiten freundlich lächelnd.
Rudolf schaut ihr entgegen.
Und da treffen sich ihre Blicke.

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