Montag, 20. Oktober 2008 - 21:21 Uhr
Geschichten, die die Welt bewegten IV

Wie sich die kleine Morgan die große Weltwirtschaftskrise erträumte

Es war vor einigen Jahren:
Sara Morgan, die jüngste Tochter der Lehmans, war von klein auf ein zurückhaltendes, nachdenkliches, etwas schwer zugängliches Mädchen gewesen, aber wegen ihres exotischen Aussehens der Liebling der Familie. Saras Mutter glaubte an Legenden und Mythen. Sie gab ihrer jüngsten Tochter den Namen Morgan, weil sie schon von klein auf der gleichnamigen keltischen Zauberin sehr ähnlich sah: Schwarze, glatte Haare, dunkle Augen, dazu ein geheimnisvolles Wesen. Und schließlich hatte Morgan, was Saras Mutter besonders beeindruckte, selbst dem großen Zauberer Merlin das eine und andere Mal in ihrer Fantasie Widerstand geleistet. Am liebsten spielten Sara und ihre kleinen und großen Freundinnen und Freunde in dem Großen Haus mit dem riesigen Garten eines der amerikanischen Lieblingsspiele: Kettenbrief. Und oft spielten auch die glücklichen Eltern mit. Es ging darum, so vielen Leuten wie möglich einen Kettenbrief zu schreiben und sie zu bitten, diesen Brief allen Bekannten und Verwandten weiter zu schicken. Natürlich machte so ein Brief nur wirklich Sinn und erreichte seine Wirkung nur dann, wenn er an so viele Menschen wie möglich versandt wurde. So musste man, um den größtmöglichen Erfolg zu haben, ruhig auch einmal eine kleine Drohung unter den Text mischen: Dieser Brief erreicht seine Wirkung nur, wenn er innerhalb von 1 Stunde an mindestens 10 weitere Adressaten verschickt wird. Oder aber: Dieser Wunsch wird nur erfüllt, wenn Du ihn innerhalb einer Stunde an so viele Freundinnen und Freunde wie möglich verschickst.
Es liegt in der Natur der Sache, dass es bei solch freundlichen Ermahnungen nicht blieb. Der Ton wurde, wie im echten Leben, schärfer und schärfer. Schließlich musste man intensiv an der Erfüllung seiner Wünsche arbeiten. Dass dabei gelegentlich die Briefe mit Nachdruck formuliert, mit Drohungen, ja Verfluchungen gewürzt waren, lag ebenfalls in der Natur der Sache. Es brauchte jedoch eines Genies wie Sara Morgan Lehman um all dies zur Vollendung zu bringen. So war es kein Wunder, dass sie später Bankerin wurde, ein Beruf bei dem sie ihr Genie fast ungehindert austoben konnte und eine der steilsten Karrieren an der Wallstreet machte. All die Jahre hatte sich Sara die wunderbaren Jahre ihrer Kindheit und die prickelnden Erlebnisse mit den Kettenbriefen in ihrer Erinnerung bewahrt. Sie dachte später immer wieder an die glücklichen aber auch erschreckten Gesichter der Kinder und Erwachsenen, wenn ein überraschendes Geschenk, oft verbunden mit einer harten Ermahnung, Wirklichkeit geworden war oder wieder eine neue Gefahr heraufbeschworen hatte. Es war erregend die schleichende Angst zu genießen, die die Empfänger der Briefe traf. Sara war ein aufmerksames Kind mit einem phänomenalen Durchsetzungsvermögen. Und es war nicht weiter verwunderlich, dass sie später Wirtschaftswissenschaften studierte und den Beruf einer Bankkauffrau ergriff, war diese Laufbahn doch seit Generationen in ihrer Familie vorgezeichnet. Und tatsächlich traf sie in der Finanzwelt genau auf jene Umgebung, die ihr unvergleichliches Talent zu höchster Entfaltung bringen sollte. Doch Genie allein hilft nicht, es muss, um die ganze Welt zu ruinieren, zusätzlich zu einem solchen Umfeld ein einmaliger Charakterzug und ein einzigartiges Erlebnis kommen, ein Erlebnis, das nur dem wirklich Suchenden geöffnet wird. Eines Tages feierte Sara Morgan zusammen mit ihren Corpsstudenten Halloween. In einem Zustand leichter Berauschtheit fiel ihr plötzlich ein, dass ihre Mutter ihr in der Kindheit gesagt hatte, dass sie beinahe einmal Merlin besiegt habe. Oder hatte Sara sich das selbst gesagt? Und wie Gedanken im Zustand der Trunkenheit zwar durchaus wieder verschwinden, so sehr haken sie sich manchmal im Unterbewusstsein fest: Und so träumte sie in dieser Nacht, noch ein wenig benommen vom Alkohol in den Armen eines schönen jungen Mannes den großen amerikanischen Traum in seiner ganzen Intensität, Vollkommenheit und wunderbaren Grausamkeit: Weg mit den lächerlichen Kettenbriefen, sie würde die Welt mit Bankpapieren überschwemmen und glücklich in Grund und Boden stampfen. Im Grunde, so dachte sie, war sie ja ein guter Mensch. Sie wollte allen Kindern eine so friedvolle und schöne Kindheit bescheren wie sie sie selbst erlebt hatte. Sie träumte, dass man nur das harmlose Spiel der Kettenbriefe in das harte Spiel der Realität umsetzen musste. Und so spielte die kleine Sara Morgan von da an das Spiel der Kettenbriefe mit echten Derivaten: mit Aktien, Zertifikaten, Pfandleihen und der ganzen Breite der Möglichkeiten, die eine große internationale Bank zu bieten hatte. Und es gab viele Möglichkeiten!
Zuerst einmal überschüttete sie alle Welt mit Hypothekenbriefen und gab diese gebündelt an andere Banken weiter, die dann die Zinsen erhöhten. Wenn eine Bank ausfiel oder nicht mehr mitspielte, ging das Papier an die nächste, und so weiter und so fort. Und so wanderten die Hypothekenbriefe von Hand zu Hand, von Bank zu Bank und von Land zu Land bis nach und nach alle Banken mit Kettenbriefen überzogen waren und das ganze System gesättigt war. Und Sara bekam viele, viele tausende von Mitspielern in aller Welt. Denn die Bankenwelt war von Saras Idee begeistert. Und so ereignete sich, was viele erwartet hatten: Wenn sie noch nicht pleite sind, dann spielen sie noch heute.
Und so machte Sara Morgan, die Zauberin der Finanzwelt, eine der größten Karrieren in der internationalen Bankenwelt. Und wenn nichts Ungewöhnliches passiert, wird der große starke Dollar bald an die Kette gelegt und im Zirkus wie ein kleines dressiertes Hündchen den Besuchern aus aller Welt vorgeführt werden. Und die glücklichen Kinder aus all den glücklichen Eigenheimen in den sauberen, glücklichen Suburbs strahlen schon jetzt aus lebhaften Kinderaugen. Und noch heute, wenn Sara Morgan jeden Morgen durch die Gitterstäbe ihrer friedlichen, etwas abgelegenen Zelle in Gottes freie Natur blickt, denkt sie an all die Kinder, die jetzt zuhause herumtollen und ihr Leben mit ihren Eltern, Geschwistern und Freunden fröhlich genießen. Und Sara weint vor Glück. Sie sieht das Blut der Kinder nicht, das still im blauen Wasser fließt.

Dienstag, 14. Oktober 2008 - 11:25 Uhr
Demut

Der Diener der Diktatoren
schlich im Gewande der Demokratie
zum König der Schlächter.
Seine Verbeugung
war von vollendeter Höflichkeit
und entbehrte nicht
einer gewissen Grazie und Demut.
Der Schlächter fand dies erfreulich gut.

Demut vor Feuer und Blut.

Dienstag, 14. Oktober 2008 - 11:25 Uhr
Zeitvertreib

Im Tal des Schwarzen Mondes,
in dem der Arkan seine Leichen zerhackt,
die ihm,
als sie noch Lebende waren,
rein zufällig über den Weg gelaufen sind,
im Tal des Schwarzen Mondes also,
ist es jetzt eher ruhig.
Es ist langweilig geworden.
Denn Leichen zerhacken
macht auch nur eine Zeitlang Spaß.

Dann muss man sich einen anderen Zeitvertreib suchen.
Das Leben bietet viele Möglichkeiten.

Mittwoch, 10. September 2008 - 09:15 Uhr
Ausblicke. Einblicke. Augenblicke.

22. 08. 2008
Ich hatte mich schon mit dem Lied abgefunden Kein Schwein ruft mich an.
Da meldete sich heute doch noch einer. Und das ganz von selbst. Allerdings
von einem Werbeplakat herab:
„Wir müssen miteinander reden“
Gott
Er hätte auch gleich anrufen können. Aber wenigstens einer, der mit mir sprechen will!
Was will er von mir? Mein Geld, meine Zeit, meine Seele?
Früher konnte man seine Seele retten, indem man Ablass bezahlte. Heute ist das anders.
Das Geld ist knapp. Es verweigert sich auch zunehmend dem Jenseits. Und die Seele? Aufgepasst! Wenn man Gott den kleinen Finger reicht, nimmt er gleich die ganze…!
Ich habe beschlossen, ein bisschen abzuwarten, bis ich mich bei ihm melde.
Aber vielleicht wollen Sie’s ja mal versuchen. Ich gebe Ihnen vorsichtshalber
die Adresse: www.gott.uni Nicht, dass Sie sagen, Sie hätten von nichts gewusst.
Und ich bin wieder schuld.


24. 08. 2008
Gestern auf einer Opernpremiere gewesen. Hinz und Kunst waren auch wieder da.

26. 08. 2008
Deutschlands next Topmodel: Der Schafstall der Klone.

29. 08. 2008
Warum komme ich bei Verlegern nicht an. Ich bin doch genauso schlecht wie andere
Autoren.

31. 08. 2008
Das Internet könnte eine fantastische Sache sein, wäre es nicht Bill Gates in die
Hände gefallen.

03. 09. 2008
Auf dem Sterbebett sagte er, er wolle verbrannt werden.
Manche beenden ihr Leben, das grenzt schon an Sarglosigkeit.

04. 09. 2008
Der Klatsch hat Hochkonjunktur. Auf Biegen und Erbrechen.

07. 09. 2008
Nachrichten klingt in deutschen Zeitungen immer nach richten.

09. 09. 2008
Lebensmotto für Autoren: > Wort und Totschlag.

Donnerstag, 28. August 2008 - 15:22 Uhr
Feuerwasser

In Feuerwasser eingebettet treibt ein Boot
den Amazonas stromabwärts,
das Licht ist kalt und aus den Wäldern
träufeln feuchte Illusionen
aus Glück und Schmerz.
Sie haben keinen Platz mehr,
irgendwo zu wohnen.

Der Kapitän, der nie ein Raumschiff flog,
verfolgt mit schnapsgetränkten Augen
die Wasser, die ihn ins Verderben führen,
doch nie im Leben würde er am Schicksal rühren,
das jetzt ihn in die Tiefe zog.
Das Schicksal hatte ihn von Anfang an belogen.

Am Bug des Bootes, das sie trägt,
sitzt seine Frau und sieht mit blinden Augen.
Sie sitzt in einem prachtvoll fein gewebten Kleid
und spricht zum wiederholten Mal von alten Zeiten,
als in den Wäldern alles lebte, alles wuchs
und bunte Vögel über allem schwebten.

Ja, die Gespenster kennen keine Zeit.

Ältere Beiträge

Anmelden